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Ein neues Lied

Kirchenkonzert Peter Lorenz' Debüt mit dem Katholischen Hochschulchor in der Tübinger Johanneskirche.

Tübingen. Zum Ende des Wintersemesters legte Hartmut Dieter nach 35 Jahren den Taktstock nieder. Als einer der dienstältesten Dirigenten Tübingens hatte er den Chor der Katholischen Hochschulgemeinde über die längste Zeit seines 54-jährigen Bestehens geprägt. Im April übernahm Peter Lorenz die Leitung. Der ehemalige Rottenburger Domkantor trat 2015 auch schon die Nachfolge von Rolf Maier-Karius beim Südwestdeutschen Kammerchor an.

Mit einem anspruchsvollen A-cappella-Programm und einem kunstfertigen Zugriff begeisterte er die gut 150 Zuhörer am Donnerstag in St. Johannes. Lob- und Dankpsalmen aus sechs Jahrhunderten - nicht chronologisch geordnet, sondern kontrast- und beziehungsreich konstelliert, auch derselbe Psalmtext aus unterschiedlichen Zeiten und Klangperspektiven. Darunter die selten zu hörende Motette „Nun danket alle Gott" des Bach-Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol.

Das Motto „canticum novum" -„Singt dem Herrn ein neues Lied" ließ sich durchaus übertragen auf die neuen Facetten und Klangqualitäten, die Lorenz dem 55-stimmigen KHG-Chor entlockte. Zu seinem charakteristisch feinen, milden Pianissimo und dem Strömenlassen kam eine neue, aktiv-energetische Bewegung hinzu, auch mit geschärften und gehärteten Klängen. Eine wendige Dynamik mit steilen Crescendi; schnelle Kehrtwenden wie ein Vogelschwarm in einem Nu.

Auf das „Cantate Domino" von Jan Pieterszoon Sweelinck, einem der Vollender der Renaissancemusik, folgte das polytonale „Jubilate Deo" (2007) des Litauen Vytautas Miškinis. Ein frappierend instrumentaler Chorklang, mit absolut gemeinsam anschwellenden Peter Lorenz und impulsierten Harmonien wie auf einem Akkordinstrument. Tänzerisch bewegt Hans Leo Haßlers „Alleluja, laudem dicite", mit neuartiger Körperlichkeit und Zugkraft.

Spannende Farbwirkungen in Mendelssohns „Jauchzet dem Herrn alle Welt"; ehrfurchtsvoll, fast bang weiteten sich die Klänge in der Passage „Gehet zu seinen Toren ein", selbst zum Klang-Tor geworden. Faszinierend die forte-piano-Wellenschläge in William Byrds „Sing joyfully". Heinrich Schütz' „Cantate Dominum" beeindruckte als virtuos schnelles Vokalkonzert, ebenso das polyrhythmisch geschichtete „Laudate Dominum" des Stuttgarter Stiftskirchen-Kantors Kay Johannsen, beide ein wenig mechanisch.

Zwei Mal wechselte Lorenz vom Dirigentenpult an den Spieltisch der Rieger-Orgel. Bei Präludium und Fuge C-Dur des Bach-Schülers Johann Ludwig Krebs gefiel das Präludium mit seiner allmählichen, tastenden Eroberung des Tonraums. Die Fuge hatte etwas Lehrbuch-Charakter. Ganz in seinem Element schien Lorenz bei Herbert Howells` freitonal-expressivem Orgel-Psalm „Sing to him a new song" (1939): mystisch und rhapsodisch-erzählerisch.

Das „Alleluja" (2014) des schwedischen Komponisten Fredrik Sixten (er schrieb die Wallander-Oper) löste sich zuletzt in sphärisch pure Farbklänge auf, langsam verklingend. Mit dem Programm tritt der KHG-Chor morgen um 19 Uhr noch einmal in der Wallfahrtskirche im Weggental auf. Achim Stricker