Reines Dur im Paradis

Zuhörer erlebten eine Sternstunde des Chores der Katholischen Hochschulgemeinde

Tübingen. Wie ein Urknall steht am Anfang ein Paukenschlag, darüber ein über mehrere Oktaven aufgetürmtes archaisches c, noch ohne Tongeschlecht — weder Dur noch Moll. Ein groß aufgerissenes, hoch aufragendes Fortissimo, das sich in amorphen Linien ausbreitet und Klang/Raum schafft. Die Darstellung des „Chaos" zu Beginn von Haydns „Schöpfung' war für das Publikum tun 1800 revolutionär. Und tatsächlich gelang es Peter Lorenz, das seinerzeit Unerhörte und Radikale dieser Musik für die rund 800 Zuhörer am Sonntag in der Stiftskirche wieder erlebbar zu machen.

Noch nie hat man das „Chaos" in so gewagt langsamem Tempo gehört, so unerlöst dissonant und eruptiv. Der erste in die Höhe schießende Klarinetten-Lauf ein Ereignis. Mit geradezu prometheischem Dirigat entfesselte Lorenz urgewaltige Klänge. Sensationell bildhaft und plastisch das Ensemble musica viva Stuttgart (Konzertmeisterin: Sabine Kraut), mit fantastischen Instrumentalfarben. Bariton Jens Hamann begann seinen Schöpfungsbericht in einem noch ganz ort- und zeitlosen Tempo; ungewohnt langsam auch der erste Choreinsatz, auswendig gesungen, um die Spannung zu halten. Die Erschaffung des Lichts ein urplötzlich aufstrahlendes, tosendes C-Dur.

Für den Chor der Katholischen Hochschulgemeinde war die Aufführung ein Meilenstein. 2017 übernahm Lorenz die Leitung von Hartmut Dieter. Seither hat der Chor seine Klangpalette um dunkle, scharfe und herbe Farben erweitert, was Haydns „Schöpfung" eine ungeheure dialektische Polarität und Spannung gab. Ein Abend voll großer Momente. In seltener Potenzierung griffen hier Chor, Orchester und Soli ineinander. Jeder Satz war in seinen Möglichkeiten erkannt und ausgeformt Mit ausgefeilter Klangkunst malte das Orchester Stürme und Unwetter, aber auch vogelzwitschernde Rokoko-Idyllen, zeichnete die erschaffenen Tiere in charakteristischen Bewegungen. Zu Tränen rührend der allmähliche Aufstieg der Sonne in einem einzigen lang aufgespannten Bogen, die Planetenbahnen wieder in betont getragenem Tempo.

Wahre Offenbarungen waren die Arien von Fanie Antonelou. Ihre berückend schöne, ausdrucksvolle Höhe und ihre zauberhaft luftigen Verzierungen erinnerten an große Sopranistinnen wie Janowitz oder Rothenberger. Philipp Nicklaus' hochsitzender, hymnisch strahlender Tenor hatte jugendlich-heldischen Charme und Präsenz; die Mittellage mit ihrer rednerischen Diktion verlor allerdings oft an Klang. Jens Hamann gefiel mit erzählerisch zugewandtem Gestus, seinem hellen, schlanken Bariton fehlte es aber an erdiger Bass-Tiefe und Volumen. Ausgewogen, einander ergänzend, klangen die drei Stimmen im Terzett.

Die Qualität und Leistung dieser Aufführung zeigte sich besonders im dritten Oratorientell. Vor dem Sündenfall ist das Sein des Menschen paradiesisch harmonisch, was Haydn zu sehr durlastigen und recht gleichförmigen Sätzen inspirierte. Insofern kann die letzte halbe Stunde ziemlich langweilig werden; gelegentlich wird hier gekürzt. Unter Lorenz' energetischem Dirigat, mit dem vokalen Schmelz der Solisten und der mitreißenden Musizierlust von Chor und Orchester wurde das Schöpfungs-Finale am Sonntag zu einem richtigen Fest Selbst die empfindsam-gefühligen Ritardandi und schmachtend innehaltenden Fermaten hatten hier ihren Reiz.

Großer Beifallsjubel mit zahlreichen Bravo-Rufen. ach