Auf der Himmelsleiter
Tübingen. Ein flammender Auftakt, fast ein Aufschrei. „Deus in adjutorium meum intende“: „Gott, steh mir bei“. Ein aufschreckender Tenor-Ruf, der horizontweite Klangportale aufstieß. Mit einem Schlag ragte der Eingangschor auf wie eine steile Klangwand, von den majestätisch aufblitzenden Fanfaren der Zinken durchzogen.
Mancher der rund 900 Zuhörer am Sonntag in der Stiftskirche mag sich da spontan gefragt haben: Wie beides zusammenbringen? Hier ein Chorklang im oratorischen Großformat – der 83 Stimmen starke Chor der Katholischen Hochschulgemeinde. Dort das 14-köpfige, filigran solistisch besetzte Barockorchester, das renommierte Alte-Musik-Ensemble „La Banda“ aus Augsburg.
Es ging erstaunlich gut. Waren die bewegten Klangmassen im „Dixit Dominus“ noch etwas blockhaft, begeisterte der volle Chorklang im „Laetatus sum“ durch seine klangmächtige, erhabene Sakralität, die monumentalen Klangkuppeln. Das zehnstimmig doppelchörige „Nisi Dominus“ mit seinen kreisenden Kanonstrukturen wurde zu einer dicht verwobenen Klangspirale, eine sich in die Höhe schraubende Himmelsleiter mit wetterleuchtenden Bläser-Akzenten. Das „Lauda Jerusalem“ war ein soghafter Klangrausch. Mit bemerkenswerter Transparenz und rhythmischer Präzision selbst in dieser enormen Chorgröße.
KHG-Chorleiter Jan Stoertzenbach gab Monteverdis „Marienvesper“ eine eigene Handschrift: große dynamische Solo-Tutti-Kontraste, klangvoll drängender Furor und affektstarke Durchschlagskraft. Das „Duo Seraphim“ mit seinen tremolierten Haltetönen wurde zur ekstatisch entflammten Zungenrede. Rückhaltlos ausdrucksintensiv Klemens Mölkner, ein Tenor mit Altus-Facetten, hinreißend im Duett mit Tenor Martin Höhler. Grandios Bassbariton Micha Matthäus, im Dialog mit Josua Bernbecks warmem Bariton. Das Sopran-Duett „Pulcha es“ sangen Sophie Harr und Saskia Saegeler mit profiliertem Licht-und-Schatten-Spiel.
„La Banda“ musizierte auf historischen Instrumenten, darunter Chitarrone, Zinken und Barockposaunen. Besonders faszinierte die Truhenorgel mit ihren „streichenden“ Registern, deren Klang sich mit reizvoller Verzögerung öffnete, mit weitendem Atem crescendierte, seine Farben auffächerte.
Mit der „Marienvesper“ bewarb sich Monteverdi 1610 vergeblich auf das Kapellmeisteramt an der Sixtinischen Kapelle. Ein Katalog satztechnischer Möglichkeiten, von der traditionellen Renaissance-Polyphonie bis zur modernsten frühbarocken Solo-Arie. Überwältigend schön das abschließende „Magnificat“. Eine meisterliche Aufführung, ein Meilenstein in der Geschichte des KHG-Chors.
