Beim Semesterabschlusskonzert Ende Januar sang der Chor der Katholischen Hochschulgemeinde Monteverdis „Marienvesper“ in einer über 80-stimmigen oratorischen Besetzung. Zwischen den großen Chorkonzerten zum Semesterende ist das Kammerchor-Projekt während der Semesterferien mittlerweile schon eine kleine Tradition geworden. In nur fünf jeweils dreistündigen Proben studierten KHG-Chorleiter Jan Stoertzenbach und der 26-stimmige Kammerchor ein anspruchsvolles, satztechnisch herausforderndes A-cappella-Programm ein. Zum Werkstattkonzert „Gegen den Krieg“ am Samstag kamen gut 120 Zuhörer in die Petruskirche.
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Wir sind ja schon ein bisschen wahnsinnig. Lechner und Bach-Motette am Wochenende einstudieren? Check! Schütz' Matthäus-Passion in 4 Proben? Check! Hugo Distlers Totentanz in 4 Proben? Check! Arnold Schönbergs Zwölftonmusik mit Profi-Orchester und Laien-Sängern? Check!
Und jetzt Hanns Eislers Zwölftonmusik mit 4 weiteren Werken in 4 Proben + Generalprobe? Ok, das geht jetzt aber wirklich nicht!
Und deswegen machen wir das. Man kann über die Theorie zur Zwölftonmusik alles lernen (etwas davon siehe hier). Bringt nichts. Man kann viel Zwölftonmusik hören, um "reinzukommen". Bringt nichts. Katze aufs Klavier jagen, klingt wie Zwölftonmusik, vielleicht sogar Serielle Musik. Bringt aber auch nichts.
Was also tun? Stures Lernen, wie Vokabeln einer Sprache, deren Regeln schleierhaft sind. Üben. Üben. Üben. Und zwischendurch die anderen Werke zur Erholung machen. Dass diese auch aus der Moderne kommen und nicht wie ein Mendelssohn sahnig reinlaufen, fällt uns da schon gar nicht mehr auf.
Wie schon bei der Marienvesper hatten wir wieder das stete Gefühl, die Zeit reicht nicht; der D-Zug rollt und man kommt kaum hinterher. Zurücklehnen und auch mal genießen war einfach nicht drin. Nach der Probe ersma'n Bierchen oder Limo zum Runterkommen.
Umso aufregender und auch faszinierender ist es dann, wenn sich zum Konzert alles fügt. Vielleicht sogar ungläubiges Staunen bei uns selbst an der einen oder anderen Stelle, wenn Dinge klappen, die wir immer wollten in der Probe, aber auch nur das.
Und ebenso erstaunlich: Sie, unser Publikum, kamen zum Konzert, für das es außer Mund-zu-Mund-Propaganda kaum Informationen gab und machten Sankt Petrus voll. Vielen Dank dafür, auch wenn es als Projekt-Konzert nicht mal so lang war. Das wird es aber dann wieder im Sommersemester, wo wir es "nur" mit Romanik zu tun haben, die ihre ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt. Ausdruck und Innigkeit ohne Kitsch und Manieriertheit ist auch kein Selbstläufer.
Bis dann.
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Auf der Himmelsleiter
Tübingen. Ein flammender Auftakt, fast ein Aufschrei. „Deus in adjutorium meum intende“: „Gott, steh mir bei“. Ein aufschreckender Tenor-Ruf, der horizontweite Klangportale aufstieß. Mit einem Schlag ragte der Eingangschor auf wie eine steile Klangwand, von den majestätisch aufblitzenden Fanfaren der Zinken durchzogen.
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Wege in die Moderne
Der KHG-Chor sang am Sonntag in der Lustnauer Petruskirche Hugo Distlers „Mörike-Chorliederbuch“
(ach) Tübingen. Hugo Distler war ein Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik im 20. Jahrhundert. Ab 1937 lehrte er an der Musikhochschule Stuttgart, 1940 wurde er nach Berlin berufen. Unter zunehmendem Druck des nationalsozialistischen Regimes nahm er sich 1942 mit 34 Jahren das Leben.
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Im Oktober geht unsere Arbeit mit einem wirklich besonderen Werk los: Monteverdis Vespro della Beata Vergine, kurz Marienvesper.
Das steht nicht nur seit Jahren auf meiner Ich-hoffe-das-ich-das-mal-irgendwann-mit-einem-Chor-machen-kann-Liste sondern ist vermutlich auch das älteste Werk, das der KHG-Chor je in einem Wintersemester gesungen hat. Und vermutlich auch das für unsere bisherigen Verhältnisse und Gewohnheiten ungewöhnlichste (Schönberg inklusive).
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Wer war Hugo Distler?
Hugo Distler (1908–1942) gilt als einer der wichtigsten deutschen Komponisten der Moderne im Bereich der Chormusik, gerät aber gegenüber populäreren Namen wie Mendelssohn, Brahms oder Schumann oft zu Unrecht in Vergessenheit. Distler lebte in einer Zeit des Umbruchs, zwischen Expressionismus und dem aufkommenden Nationalsozialismus. Seine Musik ist geprägt von einer ganz eigenen, unverwechselbaren Klangsprache und einer tiefen emotionalen Ausdruckskraft.
Distlers Stil – Zwischen Tradition und Moderne
Distlers Chormusik schlägt eine spannende Brücke: Einerseits lässt er sich von der Renaissance-Musik, etwa durch komplexe Polyphonie und klare Textverständlichkeit, inspirieren. Andererseits schreibt er Musik, die durch frische Rhythmik, expressive Harmonien und neuartige Klangfarben sehr modern klingt. Mal zart und innig, mal rhythmisch fordernd – Distler stellt an uns als Chor hohe musikalische Ansprüche, aber genau darin liegt das Besondere: Wer Distler singt, wächst musikalisch!
Warum das „Mörike-Chorliederbuch“?
Das „Mörike-Chorliederbuch“ besteht aus mehr als 40 Vertonungen von Gedichten Eduard Mörikes und ist eines der Hauptwerke Distlers. Hier vertont er kurze, meist lyrische und sehr stimmungsvolle Texte – mitreißend, überraschend und voller Klangvielfalt. Für Chorsänger*innen bietet das Werk jede Menge Abwechslung: intime vierstimmige Sätze, raffinierte Wortmalereien und immer wieder neue musikalische Wendungen, die das Singen zur echten Entdeckungsreise machen. Es ist ein Programm für Neugierige, für alle, die Lust auf musikalische Abenteuer abseits des Mainstream haben.
Deine Stimme zählt!
Keine Sorge – auch wenn Distlers Musik anspruchsvoll ist, wirst du bei uns nicht ins kalte Wasser geworfen! Wir proben gemeinsam, geben Hilfestellungen und wachsen mit jedem Stück mehr zusammen. Egal, ob du schon Chorerfahrung hast oder neu dabei bist: Das „Mörike-Chorliederbuch“ bietet ideale Möglichkeiten, die eigene Stimme kennenzulernen, gemeinsam zu musizieren und dabei einen echten Geheimtipp der Chorszene zu erleben.
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