Konzertritik WS1617

Eine Letzte Sternstunde

Mit dem Brahms-Requiem nahm Chorleiter Hartmut Dieter nach 35 Jahren Abschied.

(aus dem Schwäbischen Tagblatt vom 07.02.2017)

Tübingen. 35 Jahre, 70 Semester, rund 100 Konzerte. Hartmut Dieter ist einer der dienstältesten Dirigenten Tübingens, ein Klangkünstler mit einer tief im Glauben und einer humanistischen Geisteshaltung verwurzelten Musikalität.

Von 1982 bis 2017 hat er den Chor der katholischen Hochschulgemeinde geleitet und — bei
all der Fluktuation eines studentischen Chors — eine frappierende Kontinuität geschaffen, einen unverwechselbaren und ganz eigenen Klang, eben den KHG-Chork-Klang. Rund und anmutig schön, noch im Fortissimo aus einem in sich ruhenden Pianissimo heraus aufgebaut; in nahezu unendlichen,
weitgespannten Bögen sich verströmend: mit einer überwältigenden sakralen Klang-Aura bei geistlichen Werken. Nun, mit seinem 70. Geburtstag, nimmt Hartmut Dieter Abschied. Über 900 Zuhörer füllten die Stiftskirche am Sonntag.


Sehr langsam, ganz allmählich erst stieg das Brahms-Requiem aus der Tiefe herauf. Dieter ließ jeder Phrase der Celli, der Bratschen Zeit, sich zu runden und zu
ihrem Ende zu kommen. Der letzte Vorhalt vor dem Choreinsatz wollte sich sehr lange noch nicht auflösen; auch den ersten Chorakkord - ‚.Selig“ — hielt Dieter einen langen Moment fest, ins Zeitlose enthoben. Oft waren die Tempi etwas langsamer als gewohnt, nachlauschend, bedenkend. Die Tonschritte verwandelt in ein Schreiten, wie in einer fast unmerklichen Zeitlupe.

Jammer. Tod. Vergänglichkeit

Der gut lOO-stimmige KHG-Chor eröffnete Ausblicke in weite Klanglandschaften lyrisch und elegisch. Am kraftvollsten waren die großen hymnischen Dur-Stellen: „Die Erlöseten des Herrn“ oder die Chor-Fuge „Herr, du bist würdig“, mit unbändigem Auferstehungsjubel und einem gleißenden Ensemble musica viva Stuttgart.

Bekanntlich verzichtet Brahms auf „Dies irae“-Visionen vom Jüngsten Gericht. taucht sein Requiem in ein sonnig versöhnliches Dur-Licht. Nur wenige Stellen lassen die unerbittliche Härte des Todes hörbar werden. Wie ein Verhängnis stieg der Trauermarsch „Denn alles Fleisch“ aus einer gläsernen Violin-Höhe herab. Bei der Passage „Ach, wie gar nichts sind alle Menschen“ setzten die unscheinbaren Begleitfiguren unerwartet einen soghaften Mahlstrom in Gang, ein malmendes Räderwerk.

Bariton Falko Hönisch, ideal besetzt, ging mit stimmgewaltiger Wucht und Bitterkeit in die verzweifelte Tragik hinein, den Jammer angesichts von Tod und Vergänglichkeit. Hönisch und die schneidenden Blechbläser bildeten ein Gegengewicht zum KHG-Chor, der selbst noch bei „Tod, wo ist dein Stachel" auf der Seite von Trost und Heilsgewissheit blieb: ernst, aber nie vehement oder scharf, in seinem Fortissimo gleich wieder nachgebend - der Tod schon überwunden. Lydia Zborschils Sopran—Arie war innig und seelenvoll, wenn auch etwas unter Spannung und Druck. Sehr gut artikuliert war die Harten-Partie, die sonst oft im Orchesterklang verschwindet.

Als Überleitung zu Dvoräks abschließendem Te Deum hatte Dieter die bardenhafle Ballade „Au loin“ von Charles Koechlin gewählt (klangschön sinnierend: Kirsty Wilson, Bnglischhorn, und Lucia Cericola, Harfe). Es wäre allerdings stringenter gewesen, die drei Werke ohne Unterbrechung
attacca aneinander anzuschließen, ohne zweimaligen Zwischenapplaus. Zuletzt ausgelassen fröhlicher Festklang und pulsierendes Leben in Dvoräks Te Deum. das Alleluja volumenreich überstrahit von Zborschil und Hönisch.

Mit Gottes Segen

Nach einer langen Stille erhob sich das Publikum zu bewegtem Beifall. Bernd Hillebrand, Pfarrer der katholischen Hochschulgemeinde, verabschiedete Dieter mit persönlichen Worten und gab ihm einen Segen mit auf den Weg. Seine Nachfolge tritt der frühere Rottenburger Domkantor Peter Lorenz an. Bei ihm dürfte der KHG-Chor in guten Händen sein. Lorenz und alle Chorist(inn)en überraschten Dieter noch mit Rutters „God bless you". Ein schmerzlicher Abschied und ein Einschnitt. Hartmut Dieter hat dem Tübinger Konzertpublikum zahllose Sternstunden geschenkt. Am Sonntag ein allerletztes Mal.

Achim Stricker