Konzertkritik SoSe 2021

Meister der Wendungen

 

Eine Entdeckung: Der KHG-Chor erinnerte an Franz Xaver Schnizer.

Von Achim Stricker

Es ist jedes Mal ein kleines Wunder, wenn ein Komponist wieder auftaucht. Wenn eine spätere Epoche ihn wiederentdeckt und überrascht feststellt, dass es sich bei dem Vergessenen um keinen „Kleinmeister zeitverhafteter Gebrauchsmusik“ handelt. Und erschreckt wahrnimmt, dass mitunter sehr zufällige Umstände darüber entscheiden, ob ein bedeutendes Kunstwerk die Nachwelt erreicht – oder nicht.

Franz Xaver Schnizer war zu seinen Lebzeiten allenfalls regional bekannt. Der früh verstorbene Zeitgenosse von Haydn und Mozart wurde 1740 im oberschwäbischen Wurzach geboren. Im nahegelegenen Benediktinerstift Ottobeuren wurde der Chorknabe zum Organisten ausgebildet, empfing die Priesterweihe. Bis zu seinem Tod 1785 war Schnizer hier Organist, Chorregent und Musikinstruktor. Von seinen fast ausschließlich geistlichen Werken – darunter Messen, Magnificate, Singspiele, ein Requiem und sechs Orgel-Sonaten – ist vieles nur fragmentarisch erhalten, das meiste davon bis heute unveröffentlicht.

Verdienstvolle Pionierleistung

Eine höchst verdienstvolle Pionierleistung, dass der coronakonform rund 20-stimmige Chor der Katholischen Hochschulgemeinde unter Peter Lorenz’ Leitung Schnizers „Missa in C“ am Sonntag in der Stiftskirche aufgeführt hat. Entstanden um 1770, noch vor Mozarts Salzburger Messen, erstaunt das Werk durch seine eigenständige Originalität – in seiner Eigenwilligkeit vielleicht mit Bruckner zu vergleichen, dessen autodidaktische kompositorische Anfänge ebenfalls in einem Kloster begannen.

Einzigartig die Besetzung mit konzertierendem Orgelpositiv (Peter Schleicher) und Kontrabass (Michael Sistek), der teils als eine Art solistisches Orgelpedal fungiert, teils wie eine Reminiszenz an den barocken Generalbass wirkt, sich mal bei den Männerstimmen einklinkt und dann wieder seine gewitzt eigenen Wege geht.

Überhaupt ist Schnizer ein Meister unerwarteter Wendungen und unkonventioneller Lösungen; melodisch einfallsreich und satztechnisch vielseitig. Zumal die reizvoll individualistischen Orgel-Soli streut er in den unvermutetsten Momenten ein. Stimmungen und Harmonien wechseln oft unvermittelt: Im Credo ist man ohne Übergang plötzlich mitten drin im „Crucifixus“ – eine für die Rokokozeit untypische, ungekünstelte Unmittelbarkeit. Ein noch barock geprägter Ausdruckswille in bereits klassisch strukturierten Proportionen und empfindsamer Direktheit. Und das alles wunderbar fein und hell gesungen, klangsensibel und mit vorbildlicher Textartikulation.

Sturmwind tost in Orgelpfeifen

Ein Unikat ist die „Cum sancto spiritu“-Fuge, die ihre Bahnen in vollendeter Schönheit über einem rückhaltlos quirligen Buffo-Schabernack von Orgel und Kontrabass zieht. Am erstaunlichsten vielleicht die „Auferstehung der Toten“: wenn der Chorsatz beim Wort „mortuorum“ plötzlich auf einem schier endlos langen Ton hängenbleibt.

Eine gewagte, aber sinnstiftende Idee, die fünf Mess-Sätze mit Olivier Messiaens fünfteiliger Orgel-„Messe de la Pentecôte“ alternieren zu lassen: atonale, bildhaft suggestive Klangmysterien. Zwei sehr konträre musikalische Welten, die im Wechsel die Wahrnehmung für die Besonderheiten des jeweils anderen Werks schärften. Peter Schleicher, Kirchenmusiker an St. Elisabeth in Stuttgart, schuf an der Weigle-Orgel faszinierend surreale Klangvisionen. Gewaltig zuletzt „Le vent de l’Esprit“, wenn der „Sturmwind des Heiligen Geistes“ durch die Orgelpfeifen toste und mit Blitz und Donner über die Tasten zuckte.