Konzertkritik WS21/22 - Die Welt in Asche

Konzert Der KHG-Chor sang ein hörbar kriegserschüttertes Mozart-Requiem

TÜBINGEN. Es sind keine guten Zeiten, auch nicht für die Kultur. Vor Corona war das Mozart-Requiem Garant für eine vollbesetzte Stiftskirche. Am Sonntag dürften es rund 250 Zuhörer gewesen sein. Trotz nunmehr aufgehobener Corona-Verordnungen. Ende Januar wäre es wohl ein anderes Konzert gewesen -mit der Hoffnung auf bessere Zeiten. Am Sonntag verbreitete sich die Nachricht über das Massaker in Butscha. Die drei Werke - alles Trauermusiken - bekamen eine kaum auszuhaltende Bitterkeit.

Noch nie hat man den KHG-Chor so heftig gehört. Eingangs das Miserere c-moll von Jan Zelenka, komponiert 1738 für die Karwoche am Dresdner Hof, eins der radikalsten Werke des Barock. Dissonanzen und rhythmische Verwerfungen, die die Satzstrukturen aufsplittern und aufbrechen. Rückhaltlos hämmernde Akkord-wiederholungen, bohrende Bässe, ineinander verkeilte Stimmen; der Eingangschor ein einziger langgezogener Schrei, den KHG-Chorleiter Peter Lorenz in wuchtigem Fortissimo ausbrechen ließ.

Den umfangreichen Bußpsalm 51 packt Zelenka komplett in eine kompakt gestaute Chor-Fuge, Textierung eines Orgel-Ricercars von Frescobaldi. Zerklüftet und zerrissen wie auch das Sopran-„Gloria", das Ulrike Härter mit Emphase sang, ekstatisch ringend immer höher hinaufgeschwungen. Die Chor-Fuge „Sicut erat" steuert auf ein krönendes Amen zu, das in ei-ner unerwarteten Moll-Wendung zurückstürzte zum Miserere-Beginn, eingeholt und heimgesucht, wund vor Schmerz.

Barbers „Adagio for Strings", geschrieben aus Trauer um eine unlebbare Liebe, ist seit Kennedys Begräbnis eine der bekanntesten Requiem-Musiken. Dirigenten forcieren das Tempo meist, damit die spröd im leeren Raum ausgespannten Linien nicht an Spannung verlieren. Lorenz nahm ein zutiefst langsames Adagio, ganz im Augenblick, ein Vorwärtstasten ins Ungewisse.

Aufgewühlt bebend auch das Mozart-Requiem (in der Süßmayr-Fassung), ungewohnt schroff für den KHG-Chor. Apokalyptisch wüst klaffend das „Dies irae". „Tag des Zornes, Tag der Zähren, wird die Welt in Asche kehren." Wobei der nur 30-stimmige Chor in den klanggewaltigsten Wogen des Stuttgarter Ensembles musica viva oft nur noch in Umrissen erkenn-bar war. Geisterhaft das „Lacrimosa". Im Solisten-Quartett: Bass Simon Amend mit feierlicher Ruhe, Tenor Philipp Nicklaus mit furiosem Impetus, leidvoll klagend Altistin Christine Müller, überwölbt von Härters kraftvollem Sopran.

Existentielle Dringlichkeit hatten die Chor-Fugen: unheilvoll rotierendes, verschlingendes Räderwerk; das „Cum sanctis tuis" zuletzt aus der Tiefe herauf an-rennend, einer majestätisch verlangsamten Auflösung entgegen. Die Zugaben: Mozarts „Ave verum", streicherbegleitet; ungetrübt heiles Dur. Und a cappella Mykola Lyssenkos „Gebet für die Ukraine", gerade an zahllosen Orten weltweit gesungen. ach